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Begegnungen mit Sabine Martiny
In Zeitschriften sah ich Zeichnungen, die mich neugierig machten. Wir trafen Sabine Martiny in Baden-Baden: Gespräch bis spät abends, Mappen mit Zeichnungen waren durchzublättern. Frau Sabine fragt gezielt, sie antwortet schnell und freimütig. Zwischendurch greift sie zum Skizzenblock. Vor dieser Frau Maske aufsetzen zu wollen, wäre sinnlos. Anderntags in einer Galerie ihre Ölbilder, überraschend, wie von anderer Hand: Meine dritte Begegnung. Mit Mappen voller Zeichnungen und farbigen Fotos fuhr ich heim, beeindruckt und nachdenklich.
Wie sie fragt und antwortet, so zeichnet Sabine Martiny. Rasch fixierte Beobachtungen von Reisen: Bauten, Tiere, vor allem Menschen. Dazwischen Studien von Köpfen und Händen. Landschaften scheinen weniger zu interessieren als Stadtbilder. Idylle fehlt ganz. Die Motive wurden in Indien, am Nil, in Paris, in USA und -- natürlich -- in ihrem Lebensbereich gesehen. Gelegentlich verfremdet sie Realistisches mit Phantastischem; dann schimmert Humor durch.
Portraitstudien von Zeitgenossen sind auf den ersten Blick zu identifizieren (Bernhard. Minetti, Stephan Heym, einige Politiker). Lebhaftes Interesse am Individuum treibt Sabine Martiny an. Sie bildet nicht nur ab; sie deutet schon während des Erfassens. Sie charakterisiert ihr Modell. Aufträge für die Portraitmalerin mehren sich.
Ihr Strich mit Zeichenstift und Feder ist energisch und sicher, präzise wo erforderlich, weicher geführt mit Kohle und Tuschpinsel. Ein überwiegend zeichnerisches Talent? Dies war mein erster Eindruck. Ihre Zeichnungen notieren Befunde; ihre Gemälde werten Träume, Ängste und Stimmungen aus. Wolkenkratzer von New York scheinen sich unter einer atomaren Druckwelle zu biegen und zu stürzen. Oder sie ragen durch den Rauch eines Weltbrandes.Doch kein Schrei des Entsetzens ist da herauszuhören, eher ein Abgesang wie aus Brechts „Von ihren Städten wird bleiben, der durch sie hindurch weht, der Wind".
Die groben Diptychen sind wohl nur ihrer Zweiteiligkeit wegen so bezeichnet; zwischen ihnen besteht kein Dualismus. Wer an dem fast ornamentalen Geflecht aus gestückelten Leibern Anstoß nimmt, sollte genauer hinsehen. Sie sind Anstöße, nachzufühlen und nachzudenken. Das Thema Höllensturz kommt in den Sinn. Das zweite Diptychon sagt deutlich: Bestialität bedroht die Menschen. Die gequälte Natur bewußt zu halten, liegt Sabine Martiny am Herzen. Oft ist Schreckliches und Problemschweres durch Häßlichkeit künstlerisch ausgesagt worden, Mitleid erregend, aufrüttelnd. Sabine Martiny formuliert anders; sie gibt Versöhnliches mit. Dazu dienen ihr farbliche Harmonie wie formaler Zusammenhalt. Sie gibt jenen Fragmenten von Körpern Plastizität mit abgestufter Farbe, aber sie schockt nicht mit ihr. Und sie mischt noch das Quäntchen Eros hinein, ohne das die Kunst leicht austrocknet.
Überwiegend malerische Aspekte erreicht unsere Künstlerin in ihren Monotypien; da kann sie in Farben träumen. Jedoch der oft gerühmte „Reiz des Zufälligen" bleibt ihr suspekt; stets greift die Hand zeichnend ein. Auch da, wo Phantasie sich in gegenstandslosen Farbgebilden traumhaft-diffus loslassen kann, reguliert noch ihr sicheres Gefühl für formale Bindung die Bildfläche.
Ob Sabine Martiny's zeichnerisches Talent stärker ihre Hand weiterführen wird oder das malerische, wird sich erweisen. Sie hat ihre eigene Handschrift, die man bald erkennt; aber ausgeschrieben ist die noch nicht:
Keine Anzeichen für eine Manier! Ihr Weg steht offen: es wäre gut, ihr noch oft zu begegnen.
Heinrich Meckenstock
Berliner Morgenpost (Auszug)
. . Mit einem feinen und sehr exakten Pinselstrich gibt sie ihren Bildern eine vibrierende Dynamik und endlose Perspektive...Noch deutlicher wird das Talent der Künstlerin in ihren Bleistiftskizzen. Mit sicherem Strich zeichnete sie zum Beispiel Ingeborg Drewitz 1983, machte im vergangenen Jahr interessante Gesichtsstudien in New Orleans ....
J. Klein, Berlin
Die Wahrheit (Auszug)
Sie setzt sich mit manch Lionel Feininger ähnlicher Farblichkeit und Leichtigkeit, aber in völlig anderer Formsprache mit Zerstörung von Umwelt, Stadtcharakter, Widersprüchen und Bedrohlichem unserer Gegenwart auseinander. Immer wieder die Thematik Haager Konvention Absurdität des Schutzes von Kulturgütern angesichts drohender nuklearer Vernichtung der Menschheit. Eingebettet in diese Thematik und das Aufspüren zerstörerischer Tendenzen, die sie in wenigen Symbolen in ihren Skizzen und Bildern darstellt . . .‚ sind fast musikalisch wirkende Schwingungen und Harmonien zu finden . . .‚ ausgedrückt in sicher erspürten Blautönen, Ocker, Grün, wie Traumbilder wirkende Kompositionen .Ihre Portraitskizzen, zum Beispiel von Ingeborg Drewitz, zeigen einen klaren und beweglichen Blick für Wesentliches.
Iris Billaudelle, Berlin
Les Affiches-Moniteur (Auszug, Übersetzung A. Chrisochidis)
Sabine Martiny ist vor allen Dingen eine bemerkenswerte Zeichnerin. Ihre Skizzen und Portraits dokumentieren einen scharfsinnigen Blick und eine sichere Hand. . . . Mit leichter Hand skizziert sie die Persönlichkeiten und gibt mit einem Minimum an Mitteln Stimmungen wieder in einer vollkommenen Ausdrucksweise .
Kompositionen voller Gestik und Explosivität zeigen eine glühende Natur und ganz ohne Zweifel die tiefen Ängste unserer Zeit. Diese erstaunlichen . . . Bilder verbergen nicht das zeichnerische Talent der Künstlerin, sondern sie unterstreichen vielmehr durch die Kühnheit ihrer Aussage ihren Platz in der zeitgenössischen Kunst .
Es ist aber wohl mehr die pathetische Aussage der Ausstellung in der Galerie L'Empreinte, die Sabine Martiny eher den Surrealisten zurechnen läl3t, als den Malern, die sich mit dem Schein zufrieden geben, seien es ihre imaginären Bilder oder ihre heiteren Träumereien.
Zweifelsohne hat uns diese Künstlerin noch sehr viel zu sagen, vielleicht sogar zu offenbaren.
J.C., Strasbourg
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