[Lutz Martiny]

last update: May 19, 2007

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Lichtenau Kritik

Von der realistischen Darstellung bis zur Abstraktion     (Badische Zeitung, 28. 10. 2006)

Sasbach-Leiselheim (vi). „Sobald die Kunst aufhört, Seelennahrung der besten Geister zu sein, ist es dem Künstler erlaubt, seine Talente mit Hilfe aller Tricks eines intellektuellen Scharlatans auszubeuten“ - mit diesem Zitat von Pablo Picasso eröffnete Michael Pyhrr am Freitagabend die bestens besuchte 23. Vernissage in der Galerie „Brunnenstüble“ in Leiselheim. Gezeigt werden Werke von Sabine Martiny.

Die 1944 in Tübingen geborene Künstlerin, die bis 1994 in Berlin und München verbrachte, lebt und arbeitet in Delbrück bei Paderborn. Die Ausstellung in Leiselheim ist für Sabine Martiny Premiere in der Region. Und wie sie bei der Vernissage sagte, war es ein „Riesensprung“ von 550 Kilometer von Delbrück bis nach Leiselheim.

Sabine Martiny ist nicht nur eine bemerkenswerte Zeichnerin, sondern führte auch sehr unterhaltsam und überzeugend durch die Vernissage. 27 Werke stellt sie in der Galerie „Brunnenstüble“ aus - in drei verschiedenen Serien. Die ersten vier Bilder im Ausstellungsraum auf der linken Seite behandeln das Thema „Samurai“. Unter dem Motto „Jazz - Keller“ ist eine Abstraktions-Serie zu sehen. Der Blick des Betrachters wird gefesselt und wird geradezu gezwungen, die Werke und das, was die Künstlerin darin aussagt genau zu studieren. Elf Bilder umfaßt die Serie „Isabella“, welche die ganze stilistische Bandbreite eines Aktes von der realistischen Darstellung bis hin zur fast totalen Abstraktion eines nackten Körpers bietet. Skizzen und Portraits lassen darauf schließen, daß die Künstlerin immer ihr Skizzenbuch mit dabei hat. Mit leichter Hand skizziert sie die Persönlichkeiten und ihre Umgebung. So entstand auch die Atmosphäre im Jazz-Keller wie sie die Künstlerin dort unten angetroffen hat. Alles ist dunkel und verraucht, auch die Musiker sind dunkel gekleidet. Sabine Martinys Jazzimpressionen „erzählen“ von der Atmosphäre, sind aber zugleich Werke voller Musik und Leben. Faszination Samurai: Hier bringt die Künstlerin die Schnelligkeit und Eleganz der Kämpfer zum Ausdruck. Die Idee dazu holte sie sich in filmen und von Fotos.

Sabine Martiny kann in Leiselheim nur einen kleinen Teil ihrer Werke präsentieren, doch diese Impressionen lassen für die nächsten vier Wochen die Galerie in einem ganz andren Licht erscheinen. Bei den meisten Bildern arbeitete Sabine Martiny mit Öl auf Leinwand, aber auch mit Pastellkreide. Die Jazzimpressionen entstanden mit Leim und geknülltem Seidenpapier. Dieses wurde auf die Leinwand gezogen, nochmals Leim aufgetragen und dann übermalt.

ich höre mit den Augen

Begegnungen mit Sabine Martiny

In Zeitschriften sah ich Zeichnungen, die mich neugierig machten. Wir trafen Sabine Martiny in Baden-Baden: Gespräch bis spät abends, Mappen mit Zeichnungen waren durchzublättern. Frau Sabine fragt gezielt, sie antwortet schnell und freimütig. Zwischendurch greift sie zum Skizzenblock. Vor dieser Frau Maske aufsetzen zu wollen, wäre sinnlos. Anderntags in einer Galerie ihre Ölbilder, überraschend, wie von anderer Hand: Meine dritte Begegnung. Mit Mappen voller Zeichnungen und farbigen Fotos fuhr ich heim, beeindruckt und nachdenklich.

Wie sie fragt und antwortet, so zeichnet Sabine Martiny. Rasch fixierte Beobachtungen von Reisen: Bauten, Tiere, vor allem Menschen. Dazwischen Studien von Köpfen und Händen. Landschaften scheinen weniger zu interessieren als Stadtbilder. Idylle fehlt ganz. Die Motive wurden in Indien, am Nil, in Paris, in USA und -- natürlich -- in ihrem Lebensbereich gesehen. Gelegentlich verfremdet sie
Realistisches mit Phantastischem; dann schimmert Humor durch.

Portraitstudien von Zeitgenossen sind auf den ersten Blick zu identifizieren (Bernhard. Minetti, Stephan Heym, einige Politiker). Lebhaftes Interesse am Individuum treibt Sabine Martiny an. Sie bildet nicht nur ab; sie deutet schon während des Erfassens. Sie charakterisiert ihr Modell. Aufträge für die Portraitmalerin mehren sich.

Ihr Strich mit Zeichenstift und Feder ist energisch und sicher, präzise wo erforderlich, weicher geführt mit Kohle und Tuschpinsel. Ein überwiegend zeichnerisches Talent? Dies war mein erster Eindruck. Ihre Zeichnungen notieren Befunde; ihre Gemälde werten Träume, Ängste und Stimmungen aus. Wolkenkratzer von New York scheinen sich unter einer atomaren Druckwelle zu biegen und zu stürzen. Oder sie ragen durch den Rauch eines Weltbrandes.Doch kein Schrei des Entsetzens ist da herauszuhören, eher ein Abgesang wie aus Brechts „Von ihren Städten wird bleiben, der durch sie hindurch weht, der Wind".

Die groben Diptychen sind wohl nur ihrer Zweiteiligkeit wegen so bezeichnet; zwischen ihnen besteht kein Dualismus. Wer an dem fast ornamentalen Geflecht aus gestückelten Leibern Anstoß nimmt, sollte genauer hinsehen. Sie sind Anstöße, nachzufühlen und nachzudenken. Das Thema Höllensturz kommt in den Sinn. Das zweite Diptychon sagt deutlich: Bestialität bedroht die Menschen. Die gequälte Natur bewußt zu halten, liegt Sabine Martiny am Herzen. Oft ist Schreckliches und Problemschweres durch Häßlichkeit künstlerisch ausgesagt worden, Mitleid erregend, aufrüttelnd. Sabine Martiny formuliert anders; sie gibt Versöhnliches mit. Dazu dienen ihr farbliche Harmonie wie formaler Zusammenhalt. Sie gibt jenen Fragmenten von Körpern Plastizität mit abgestufter Farbe, aber sie schockt nicht mit ihr. Und sie mischt noch das Quäntchen Eros hinein, ohne das die Kunst leicht austrocknet.

Überwiegend malerische Aspekte erreicht unsere Künstlerin in ihren Monotypien; da kann sie in Farben träumen. Jedoch der oft gerühmte „Reiz des Zufälligen" bleibt ihr suspekt; stets greift die Hand zeichnend ein. Auch da, wo Phantasie sich in gegenstandslosen Farbgebilden traumhaft-diffus loslassen kann, reguliert noch ihr sicheres Gefühl für formale Bindung die Bildfläche.

Ob Sabine Martiny's zeichnerisches Talent stärker ihre Hand weiterführen wird oder das malerische, wird sich erweisen. Sie hat ihre eigene Handschrift, die man bald erkennt; aber ausgeschrieben ist die noch nicht:

Keine Anzeichen für eine Manier! Ihr Weg steht offen: es wäre gut, ihr noch oft zu begegnen.

Heinrich Meckenstock

Berliner Morgenpost (Auszug)

. . Mit einem feinen und sehr exakten Pinselstrich gibt sie ihren Bildern eine vibrierende Dynamik und endlose Perspektive...Noch deutlicher wird das Talent der Künstlerin in ihren Bleistiftskizzen.
Mit sicherem Strich zeichnete sie zum Beispiel Ingeborg Drewitz 1983, machte im vergangenen Jahr interessante Gesichtsstudien in New Orleans ....

J. Klein, Berlin


Die Wahrheit (Auszug)

Sie setzt sich mit manch Lionel Feininger ähnlicher Farblichkeit und Leichtigkeit, aber in völlig anderer Formsprache mit Zerstörung von Umwelt, Stadtcharakter, Widersprüchen und Bedrohlichem unserer Gegenwart auseinander. Immer wieder die Thematik Haager Konvention Absurdität des Schutzes von Kulturgütern ang
esichts drohender nuklearer Vernichtung der Menschheit. Eingebettet in diese Thematik und das Aufspüren zerstörerischer Tendenzen, die sie in wenigen Symbolen in ihren Skizzen und Bildern darstellt . . .‚ sind fast musikalisch wirkende Schwingungen und Harmonien zu finden . . .‚ ausgedrückt in sicher erspürten Blautönen, Ocker, Grün, wie Traumbilder wirkende Kompositionen .Ihre Portraitskizzen, zum Beispiel von Ingeborg Drewitz, zeigen einen klaren und beweglichen Blick für Wesentliches.

Iris Billaudelle, Berlin 


Les Affiches-Moniteur (Auszug, Übersetzung A. Chrisochidis)

Sabine Martiny ist vor allen Dingen eine bemerkenswerte Zeichnerin. Ihre Skizzen und Portraits dokumentieren einen scharfsinnigen Blick und eine sichere Hand. . . . Mit leichter Hand skizziert sie die Persönlichkeiten und gibt mit einem Minimum an Mitteln Stimmungen wieder in einer vollkommenen Ausdrucksweise .

Kompositionen voller Gestik und Explosivität zeigen eine glühende Natur und ganz ohne Zweifel die tiefen Ängste unserer Zeit. Diese erstaunlichen . . . Bilder verbergen nicht das zeichnerische Talent der Künstlerin, sondern sie unterstreichen vielmehr durch die Kühnheit ihrer Aussage ihren Platz in der zeitgenössischen Kunst .

Es ist aber wohl mehr die pathetische Aussage der Ausstellung in der Galerie L'Empreinte, die Sabine Martiny eher den Surrealisten zurechnen läl3t, als den Malern, die sich mit dem Schein zufrieden geben, seien es ihre imaginären Bilder oder ihre heiteren Träumereien.

Zweifelsohne hat uns diese Künstlerin noch sehr viel zu sagen, vielleicht sogar zu offenbaren.

J.C., Strasbourg

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